Ein neuer Massstab für Wohlstand

Müll am Strand

Ein neuer Massstab für Wohlstand

Das wirtschaftliche Wachstum geniesst in allen politischen Agenden hohe Priorität. Gemessen wird es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges am Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP. Der Messwert addiert den monetären Wert aller Güter und Dienstleistungen, die während eines Jahres in einem Land hergestellt und auf etablierten Märkten gehandelt werden.

Klingt zunächst nach einem veritablen Wohlstandsparameter. Tatsächlich hatten bereits wichtige Wirtschaftsköpfe wie Simon Kuznets zu BIP-Anfangszeiten Bedenken, dass die Messung ökonomischer Aktivitäten fälschlicherweise mit dem Wohlstand der Staatsbürger gleichgestellt  und der Index trivialisiert werde. Die kritischen Stimmen sind bis heute nicht verstummt, im Gegenteil: Sie werden derzeit wieder lauter.

Das BIP zu messen, ist per se ein komplexes Unterfangen. Mit der Veränderung unserer Wirtschaft und Gesellschaft wird die Aussagekraft des BIP noch fragwürdiger. Was keinen offiziellen monetären Wert hat, wie beispielsweise Erziehungsarbeit oder das Verfassen von Wikipedia-Einträgen, wird nicht im Index abgebildet. Soziales und natürliches Kapital fällt komplett zwischen Stuhl und Bank, obwohl beiden eine hohe Bedeutung für die Gesellschaft und letztlich auch für die Wirtschaft zukommt.

Zur Veranschaulichung der BIP-Unzulänglichkeit zieht man gerne einen Heizöl-Truck bei: Wenn ein Heizöl-Truck auf dem Weg zur Auslieferung verunfallt, die Ladung ausläuft und die Umwelt belastet, wirkt sich das positiv aufs BIP aus. Denn um die Folgen zu beseitigen, müssen Produkte und Dienstleistungen gekauft respektive finanzielle Mittel ausgegeben werden.

Der Genuine Progress Indicator hingegen, ein alternativer Index, trägt der Heizöl-Katastrophe differenzierter Rechnung. Selbst wenn der Truck unversehrt ankommt, beeinflusst er das GPI negativ. Denn der Index erfasst und bewertet sämtliche sozialen und ökologischen Folgen der Wirtschaft. In dem Falle also auch die Gewinnung fossiler Brennstoffe und die verursachten Emissionen durch die spätere Verbrennung zu Heizzwecken.

Insgesamt fliessen 26 Parameter aus drei Kategorien in den Index, der GPI berücksichtigt – anders als das BIP – auch Freiwilligenarbeit und Einkommensungleichheit. Dieser Differenzierungsgrad macht den Messwert zwar aussagekräftiger, aber eine adäquate Ermittlung schwierig. Was sich entsprechend auf die Vergleichbarkeit unter Staaten auswirkt.

Die Politik scheint den Handlungsbedarf langsam aber sicher zu erkennen. Der frühere Staatspräsident Frankreichs, Nicolas Sarkozy, beauftragte eine eigens gegründete Kommission mit der Ermittlung einer Bruttoinlandsprodukt-Alternative. Die Europäische Kommission hat die Initiative «Beyond GDP» lanciert, um alternative Indizes zu finden. Es gibt auch mutige Vorprescher: In Amerika gibt es einige Staaten, die den GPI zu ihrem zentralen Messwert erhoben haben.

Ist das Bruttoinlandsprodukt ein guter Massstab für Wohlstand?

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