Was ist eigentlich eine Steueroase? 

Eine Oase in einer steinigen Wüste

Was ist eigentlich eine Steueroase? 

Über 11 Millionen Dokumente aus 14 Quellen aus den Seychellen, Panama, Belize, den Britischen Jungferninseln, Zypern, Hongkong, den Vereinigten Arabischen Emirate und auch der Schweiz. Das war die Grundlage für die sogenannten Pandora Papers, die am 2. Oktober 2021 vom Internationalen Netzwerk investigativer Journalisten (ICIJ) veröffentlicht wurden.

Gemäss Angaben des ICIJ sind rund 330 Politiker*innen aus fast 100 Ländern betroffen, darunter 35 Staats- oder Regierungschefs wie etwa der tschechische Premierminister Andrej Babiš. Bad timing muss sich dieser gedacht haben. Denn seine zwielichtigen Geschäfte kamen just vor den Parlamentswahlen ans Licht. Seine Partei Ano kam in der Folge nur noch auf Platz zwei.

An der Recherche und Auswertung der Pandora Papers haben sich 600 Journalist*innen aus 117 Ländern beteiligt – darunter auch ein Team der Schweizer Tamedia. Erhalten hat das ICIJ die Daten von anonymen Whistleblower*innen. Die Pandora Papers knüpfen an die Paradise Papers an. Sie gehen mit knapp drei Terabyte in die Geschichte ein als bis dato grösstes Leak über sogenannte Steueroasen. 

Steueroasen – das sind Staaten oder Gebiete, die wenig bis keine Steuern erheben. Dadurch scheinen sie als Domizil für natürliche Personen und Firmen mit hohen Einkommen und/oder Vermögen besonders attraktiv. Was aber, wenn man nicht unbedingt in der Steueroase wohnen beziehungsweise geschäften will? 

Easy! Mittels Briefkastenfirmen, Trusts und anderen dubiosen Unternehmensformen, deren Eigentümer*innen nicht offengelegt werden müssen, können Vermögende die Abgaben in der oft hoch besteuerten Heimat umschiffen. Je nach Quelle liegen irgendwo zwischen 11,3 Billionen (OECD) und 32 Billionen US Dollar (Tax Justice Network) in Steueroasen.

Steuervermeidung nennt man die Praktik, sofern auf legale Mittel zurückgegriffen wird. Von Geldwäsche und Steuerhinterziehung ist die Rede, wenn die Vermeidung illegaler Natur ist. Angeprangert wird zusehends auch erstere Kategorie. Beispielsweise steht im Zuge der Pandora Papers auch der ehemalige britische Premier Tony Blair in der Kritik: Gemeinsam mit seiner Gattin Cherie hat dieser ein 6,5 Millionen Pfund teures Bürogebäude in der Londoner Innenstadt gekauft.

Pikantes Detail: De facto kauften die Blairs nicht das Gebäude an sich, sondern eine Briefkastenfirma, der die Immobilie gehörte. Illegal war die Transaktion nicht. Es drängt sich aber die Frage auf, ob das Paar damit «nur» Steuern sparen wollte. Sie kamen nämlich dank dem Off-Shore-Geschäft nicht nur 312 000 Pfund günstiger weg, sondern mussten sich so auch nicht für die Verkäuferin rechtfertigen. Denn die vorherige Besitzerin des Gebäudes war die Familie eines Ministers aus Bahrain – und das Land im Persischen Golf ist alles andere als ein Musterschüler in Sachen Menschenrechte. 

Blairs Kauf war also legal. Kritiker*innen fragen sich allerdings, ob er moralisch für einen ehemaligen Premier einer westlichen Grossmacht zu rechtfertigen ist. Für entsprechende Persönlichkeiten wird es entsprechend ungemütlich. Und jede Enthüllung – die Pandora Papers dürften nicht die letzte gewesen sein – macht aus der vermeintlichen Oase viel eher eine Fata Morgana, um beim Wüstenbild zu bleiben.