Die Zukunft der Börse

Börsenkurse auf einem Bildschirm

Die Zukunft der Börse

Die Wertschöpfung innerhalb der Wertpapierbranche wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren erheblich verändern – vielleicht mehr als in den letzten 20 Jahren, so lautet eine der Grundannahmen des White Papers «Future of the Securities Value Chain». Es basiert auf einer Bewertung von mehr als 70 Faktoren wie Nachhaltigkeit, Cloud, Sharing Economy, Protektionismus und Datenschutz. 

Für jeden Faktor wurde eine mögliche zukünftige Entwicklung skizziert, die entsprechenden Ergebnisse flossen dann in acht mögliche Szenarien ein. ­Neue Technologien spielen dabei eine wesentliche Rolle: Dazu zählen künstliche Intelligenz, Advanced Analytics, Big Data oder Cloud-Computing. 

Zwei Szenarien werden als besonderes wahrscheinlich gewertet – wobei diese zwei mögliche Entwicklungen darstellen, die beide mit diesen neuen Technologien zusammenhängen. Das erste und wahrscheinlichste Szenario geht davon aus, dass die Börsenkotierung bestehen bleibt. 

Das heisst, Anlagen in an der Börse zum Handel zugelassenen Wertpapieren und Finanzprodukten dominieren den Markt weiterhin. Das Szenario basiert auf der Annahme, dass dank Automatisierung und Digitalisierung die direkten Kosten der Kotierung zurückgehen. Die dafür nötigen Nachweise – wie beispielsweise Rechnungslegungsstandards oder das Erstellen von rechtlichen Dokumenten – wird durch Maschinen günstig ohne menschliches Zutun erledigt.

Dennoch geraten in diesem Szenario traditionelle Broker und Zwischenhändler stark unter Druck, da die Märkte für die Anleger direkt zugänglich geworden sind – der Intermediär ist nicht mehr zwingend nötig. 

Zudem wird davon ausgegangen, dass die Anzahl und Vielfalt digitalisierter Vermögenswerte explodiert. Anteile an einem Ferienhaus können mit Nutzungsrecht in wenigen Klicks erworben (und gehandelt) werden. Hinzu kommt eine weiterhin zunehmende Bedeutung von Kryptovermögenswerten, da sie gute Möglichkeiten bieten, ein Portfolio zu diversifizieren.

Das zweitwahrscheinlichste Szenario geht dagegen davon aus, dass offene Plattformen für den Handel mit unterschiedlichsten Produkten und Anlagemöglichkeiten traditionelle Börsen und Kotierungsstellen verdrängen. Ob ein Wertpapier kotiert ist oder nicht, gilt für die Mehrheit der Anleger hier nicht mehr als entscheidendes Qualitätsmerkmal. 

Hinzu kommt: Gerade für Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen ist in diesem Szenario eine Kotierung mit erheblichen Kosten und Risiken verbunden. Sie ist zwar weniger kostenintensiv als früher, dafür haben die indirekten Kosten zugenommen. Digitale Konzerne besitzen nämlich vor allem immaterielle Güter wie geistiges Eigentum (etwa Software) und gut qualifizierte Angestellte. Die mit der Kotierung verbundenen Offenlegungspflichten um den Kapitalgebrauch sind für diese Firmen problematisch, da sie damit Details ihres Geschäftsmodells und ihrer Forschungsschwerpunkte preisgeben müssten.

Ob eines der beiden Szenarien eintritt, ist offen. Für SIX-CEO Jos Dijsselhoff ist das Papier als Diskussionsgrundlage zu verstehen. Es soll dazu inspirieren, über neue Geschäftsmöglichkeiten nachzudenken, «speziell im Spannungsfeld zwischen Start-ups und traditionellen Akteuren».

Portrait von Giacomo Corneo

Kapitalismus für mehr Gerechtigkeit

Zur Minderung der ungleichen Kapitalverteilung muss der Kapitalismus nicht aufgehoben, sondern reformiert werden, findet Giacomo Corneo. Der Volkswissenschaftler hat ein entsprechendes Modell entwickelt.