Kein Geld, aber auf Reisen

Foto von zwei Wanderern im Monument Valley

Kein Geld, aber auf Reisen

2012 hat sich die Welt ganz schön gewundert. Das Schweizer Stimmvolk, welches als eines der wenigen per Abstimmung direkt auf politische Entscheide Einfluss nehmen kann, hat sechs Wochen gesetzlich zugesicherte und bezahlte Ferien im Jahr abgelehnt. Stattdessen sind es weiterhin vier Wochen.

Dabei sind Schweizerinnen und Schweizer durchaus reisefreudig und im Vergleich zu anderen finanziell meist auch in der Lage zum Ferien machen im Ausland. 2011 haben Schweizerinnen und Schweizer für zwei Wochen Ferien nach eigenen Angaben im Schnitt gut 1600 Franken pro Kopf ausgegeben. Neuere Studien liegen nicht vor.

Zieht man in Betracht, dass die Jungen laut einer jüngeren Umfrage dem Reisen vor einem eigenen Auto und anderen Budgettöpfen den Vorzug geben, kann man davon ausgehen, dass das helvetische Pro-Kopf-Reisebudget inzwischen weiter zugenommen hat.

Nun gibt es aber auch denjenigen Typus, der bewusst wenig arbeitet, entsprechend über eher geringe Geldmittel verfügt und trotzdem auf Reisen geht. Oder eben erst recht. Nennen wir unseren beispielhaften Globetrotter einmal Nathalie; Nathalie aus Zürich.

Nathalie arbeitet pro Jahr sechs Monate in einer Bar. Pensum 70%, Gehalt inklusive Trinkgeld ca. 3750 Franken. Zieht sie ihre Lebenshaltungskosten ab – sie wohnt in einer WG in einem zwischengenutzten Haus und leistet sich nur das absolut Notwendigste – kann sie 1800 Franken monatlich zur Seite legen. Ergibt für die restlichen sechs Monate des Jahres ein Budget von rund 11’000 Franken.

Dieser Betrag muss zunächst für fortlaufende Fixkosten in der Schweiz wie Miete und Krankenversicherung reichen. Sagen wir dann, es bleiben ihr 7’000 Franken für die Reise selbst. Nie genug für ein halbes Jahr auf Achse, würde man meinen, wenn schon alleine die Flug- und Zugtickets mindestens die Hälfte des Budgets schlucken. Kommt darauf an!

Unterwegs arbeitet Nathalie zum Teil. Über helpx, Workamper und WWOOF hat sie sich auf ihrer Route Jobs organisiert. Für durchschnittlich vier Stunden Arbeit am Tag erhält sie im Gegenzug Kost und Logis zur Verfügung gestellt. Sie lebt bei Einheimischen, kommt der lokalen Kultur nahe und lernt andere Mitarbeitende beziehungsweise Reisende kennen.

Hat Nathalie mal keine Lust auf Arbeiten, sucht sie sich günstige oder kostenlose Übernachtungsgelegenheiten. Sie ist registriert bei The Hospitality Club und BeWelcome, beides Gastgebernetzwerke mit Mitgliedern weltweit, die sich gegenseitig Unterkunft und Verpflegung anbieten – gratis.

Kultur und Sehenswürdigkeiten muss sich Nathalie ebenfalls nichts kosten lassen – zumindest in den Städten bieten die öffentlichen Tourismusbüros gratis Führungen in verschiedenen Sprachen an. Auch die Gebühren für öffentliche Verkehrsmittel spart Nathalie – sie ist zu Fuss oder mit dem Mietvelo unterwegs.

Fazit: Wer Ferien beziehungsweise Reisen nicht automatisch mit Nichtstun und Bedientwerden gleichsetzt und bereit ist, fremde Menschen und Kulturen von ganz nah kennenzulernen, kommt mit dem, was eine vierköpfige Schweizer Durchschnittsfamilie für zwei Wochen Sommerferien ausgibt, ein halbes Jahr um die Welt.

Foto von Banksys «The Walled Off Hotel» direkt neben der Grenzmauer

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