Tourismus-Trend spaltet Gemüter

Foto des verlassenen Schwimmbads in Prypjat bei Tschernobyl

Tourismus-Trend spaltet Gemüter

Letztes Jahr strahlte Netflix die Doku-Serie «Dark Tourist» aus. Im Trailer spricht Journalist David Farrier davon, dass ihn seine Reisen «lebendiger» fühlen lassen. Auf der Destinationsliste des Neuseeländers standen mitunter Medellín, wo Farrier sich auf die Spuren des Drogenbarons Pablo Escobar begab, und der japanische Aokigahara-Wald, der in den Medien oft als «Selbstmordwald» betitelt wird.

Das Phänomen «Dark Tourism» mag zwar mit Netflix neue Popularität erreicht haben, tatsächlich kennt man die Magnetwirkung düsterer Orte seit Jahrhunderten. Bis ins späte 18. Jahrhundert beispielsweise zogen öffentliche Exekutionen in England viele Besucher an. Die ägyptischen Pyramiden, ein beliebtes Ausflugsziel, sind häufig Grabstätten. Verdun, wo während des Ersten Weltkrieges über 250’000 Menschen ihr Leben liessen, zog bereits kurz nach Kriegsende Touristen an.

Philip Stone beschäftigt sich aus ökonomischer Perspektive mit «Dark Tourism» und ist Direktor des Instituts für «düstere Tourismusforschung» an der englischen Universität Central Lancashire. Stone erklärte in einem Interview mit der Zeitschrift The Atlantic, dass die Kommerzialisierung des düstren Tourismus’ neu sei – nicht das Interesse an solchen Themen. Der Forscher unterteilt die «Dark Tourism»-Ziele in sieben Kategorien, unter anderem düstere Ruhestätten und düstere Konfliktorte.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zählt zu den populärsten Beispielen des «Dark Tourism». Die Gedenkstätte zieht täglich über 5’000, jährlich über 2 Millionen Besucher an. Das National September 11 Memorial and Museum in New York, ein Mahnmal für die Terroranschläge 2011, verzeichnete 2016 über 3 Millionen Besucher – sie spülten 67 Millionen US-Dollar in Kassen der verwaltenden Non-Profit-Organisation.

Auch die Region rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl, wo sich 1986 eine Atomkatastrophe ereignete, legt an Beliebtheit zu. CHERNOBYLWEL.come – eine Firma, die Touren in die Sperrzonen anbietet – begleitete 2009 über 7’000 Touristen, 2016 bereits über 36’000 Touristen. Die günstigste Tour kostet 99 Euro.

Ob «Dark Tourism» ethisch korrekt ist, wird immer wieder diskutiert. 2014 sorgte beispielsweise Basketballer Danny Green mit seinem «Holocaust-Selfie» für eine Debatte, Farriers Netflix-Serie entfachte ebenfalls Diskussionen. Die einen sprechen von «Disneyfizierung» und Schönfärberei, weil mancherorts die Kontextualisierung fehlt und die Ausflüge zum Entertainment- und Konsum-Produkt verkommen. Die anderen verteidigen diese Art des Tourismus, weil er beispielsweise einen neuen Zugang zu historischen Ereignissen ermöglicht.

Ist «Dark Tourism» ethisch vertretbar?

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