Was kostet eigentlich ein*e Arbeitnehmer*in?

Collage mit Nähmaschine, Taschenrechner, Sparschwein, gefülltem Münzglas, Zehnernote

Was kostet eigentlich ein*e Arbeitnehmer*in?

Die Ostschweiz war ab dem Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit eine Textilhochburg und beschäftigte ganze Täler. Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Produkte der St. Galler Stickerei gar das wichtigste Exportgut der Schweiz. Übrig geblieben ist davon eine spezialisierte Industrie, die für das Hochpreissegment herstellt und noch knapp 8000 Menschen (2015) beschäftigt – also nicht einmal 0.2 Prozent der arbeitenden Schweizer*innen.

Derweil arbeiten in Bangladesch vier Millionen Menschen direkt in der Textilindustrie – rund fünf Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Eine unschätzbare Anzahl Bangladeschis arbeitet zudem in Zulieferbetrieben der Textilindustrie. Wie abhängig das Land von der Branche ist, wird klar, wenn man sich die Exportbilanz ansieht: 80 Prozent des Volumens sind Textilerzeugnisse. Warum die halbe Welt in Bangladesch produziert? Unverschämt tiefe Personalkosten.

Fazit: Wenn es darum geht, T-Shirts zum Verkaufspreis von 5 Franken zu produzieren, kann die Schweiz nicht mithalten. Zwar gibt es hierzulande keinen gesetzlich festgelegten Mindestlohn, allerdings sorgt der Druck von Gewerkschaften, politischen Parteien und Medien für eine Lohnuntergrenze um die 3’500 Franken im Monat bei Vollpensum. Zum Vergleich: Der Mindestlohn in der bengalischen Textilindustrie beträgt rund 70 Franken.

Die Personalkosten bestehen aber aus mehr, als den Lohnkosten – vor allem in der Schweiz. Hier kommt in der Regel ein 13. Monatslohn hinzu. Bei einer Vollkostenrechnung wird zudem der Mietanteil für den Arbeitsplatz und Kosten für Möbel, Arbeitsgeräte – in diesem Beispiel Nähmaschinen, Bügeleisen, Waschmaschinen – und Verpflegung (Wasser, Kaffee) hinzugerechnet. Auch Administrationskosten und Führungskosten – Zeit, die ein Vorgesetzter investiert – müssen miteinbezogen werden. Und die Weiterbildung des Personals. Das alles kostet in der Schweiz bedeutend mehr als in Bangladesch.

Schweizer Arbeitgeber*innen sind ausserdem gesetzlich verpflichtet, AHV- und Pensionskassenbeiträge für ihre Angestellten zu entrichten, mindestens vier Wochen bezahlte Ferien zu gewähren und eine Unfallversicherung abzuschliessen. In Bangladesch trägt die Sozialversicherungskosten (noch) alleine der Staat, der Feriensaldo liegt bei 10 Tagen und eine Unfallversicherung wird von den meisten Fabriken umgangen.

Die Quintessenz ist die: In der Schweiz kostet ein*e Arbeitnehmer*in am Ende rund das Doppelte vom eigentlichen Lohn. Gehen wir davon aus, dass ein*e Näher*in den gesellschaftlich akzeptierten Mindestlohn von ungefähr 3’500 Franken im Monat verdient, landen wir ergo bei 7’000 Franken Vollkosten. Dagegen bringt ein*e bengalische*r Näher*in Zusatzkosten von höchstens 25% mit sich und kostet bei einer Vollkostenrechnung letzten Endes nicht mehr als 100 US-Dollar pro Monat.

Und dann ist da noch ein weiterer Unterschied… Eine normale Arbeitswoche in der Schweiz dauert höchstens 45 Stunden, in Bangladesch sind es durchschnittlich 68. Bei 20 T-Shirts, die ein*e Näher*in im Schnitt pro Stunde schafft, würde ein*e Schweizer Näher*in 460 T-Shirts weniger pro Woche produzieren als die bengalische Konkurrenz. Der Personalkostenanteil am Herstellungspreis eines Schweizer T-Shirts läge insgesamt hundertmal höher als beim Produkt aus Bangladesch.

Foto der Nestlé-Fabrik in Vevey um 1890

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