Wir leben noch. Danke, Stanislaw!

Bild von Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow in seiner Wohnung 2010

Wir leben noch. Danke, Stanislaw!

26. September 1983. Es ist kurz vor Mitternacht. Schauplatz: Ein unterirdischer Bunker der sowjetischen Flugabwehr, ungefähr 50 Kilometer südlich von Moskau. Auf dem Computerbildschirm blinkt der Alarm: Die Amerikaner haben eine Atomrakete gestartet – in 25 Minuten wird sie irgendwo auf russischem Boden niedergehen.

In den nächsten Minuten zeigt der Bildschirm fünf weitere Raketenstarts in den USA an. Was tun? Das Protokoll verlangt einen Gegenangriff – doch der diensthabende Offizier zögert. Sagt ihm der gesunde Menschenverstand, dass es jetzt – wo Russland kurz vor einer möglichen Auslöschung steht – keinen Sinn macht, auch noch Millionen von unschuldigen US-Bürger umzubringen?

Nein. Stanislaw Jewgrafowitsch Petrows gesunder Menschenverstand sagt etwas anderes: Die Überwachungssysteme müssen versagt haben. Hätten es die Amerikaner auf einen totalen Zerstörungskrieg angelegt, würden hunderte von Raketen in Richtung Sowjetunion fliegen, sagt er sich. Bevor er weiss, was tatsächlich vorgeht, gibt er gegenüber seinen Vorgesetzten Entwarnung. Der Fehlalarm wird prompt für geheim erklärt, die Gegner sollen nicht wissen, dass das Überwachungssystem anfällig ist.

Bis 1998 musste Stanislaw Petrow diese Geschichte für sich behalten. Seine Frau, die ein Jahr zuvor verstarb, hat nie erfahren, dass ihr Mann die Welt wahrscheinlich vor dem Untergang bewahrt hat. Durch die Einschläge bei einem totalen Atomkrieg wären laut Schätzungen weltweit 750 Millionen Menschen sofort getötet und 340 Millionen schwer verletzt worden. Die radioaktive Strahlung und Umweltveränderungen hätten in den Folgejahren den Rest besorgt.

Den Fehlalarm ausgelöst hatten Wetterkapriolen in den USA. Durch seltene Wolkenformationen waren Lichtblitze entstanden, welche das russische Frühwarnsystem für Raketenstarts hielt. Petrow hat für sein nüchternes Handeln erst spät Anerkennung erfahren. Als er diesen Frühling im Alter von 77 Jahren starb, veröffentlichen aber dann Zeitungen auf der ganzen Welt Nachrufe. Der wohl treffendste: «Der Mann, der den Dritten Weltkrieg verhinderte, ist tot».

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